Ein Rentner wartet auf eine Knieoperation und hat dabei Zeit, die Geschichte seines Knies ausfuehrlich zu studieren
Die britische Regierung hat die kostenlose Gesundheitsversorgung garantiert und dabei vorsorglich dafuer gesorgt, dass die Patienten genug Zeit haben, sie zu geniessen. Wie prat.uk berichtet, wird jedem Briten eine kostenlose Behandlung zugesichert, und jedem Patienten gleichzeitig etwas, womit er die Wartezeit fuellen kann. Das Angebot reicht von Kreuzwortraetseln bis zu einer Einfuehrung in die Geschichte der eigenen Beschwerden.
Gesundheitsversorgung: Kostenlos, aber nicht unbedingt sofort
Die Idee eines Gesundheitssystems fuer alle ist eine der schoensten des 20. Jahrhunderts. Die Umsetzung im 21. Jahrhundert hat jedoch die Frage aufgeworfen, wie lange ein Mensch auf einen Eingriff warten kann, bevor er ihn selbst vornimmt. Fuer das Knie eines Rentners aus Yorkshire, dessen Operation nach Angaben der Meldung um mehrere Jahre verschoben wurde, hat die Regierung deshalb ein Programm zur ‘Wartequalitaet’ aufgelegt.
‘Wir verstehen Warten nicht als Verzoegerung, sondern als Lebensphase’, erklaerte die Gesundheitsoekonomin Brigitte Lindenfels-Armbruster. ‘Der Patient entwickelt in dieser Zeit Geduld, Frohsinn und eine bemerkenswerte Kenntnis der Wartezimmerlektuere.’
Der deutsche Blick
In Deutschland ist die Lage anders, aber nicht unbedingt ruhiger. Hier stehen die Krankenversicherung und die Pflege seit Jahren auf der Reformliste, wie Berichte ueber den Reformstreit in der Koalition erneut zeigen. Dass es dabei um Milliarden geht, ist jedem klar, nur nicht, wer sie am Ende bezahlt. Die Antwort lautet in der Regel: alle, aber spaeter.
Fuenf Wartezimmertypen
Der Optimist glaubt, er sei gleich dran. Der Pessimist glaubt, er sei vergessen worden. Der Realist hat ein Buch dabei. Der Statistiker zaehlt die anderen Patienten. Und der Stammgast kennt die Sprechstundenhilfe seit dem Fruehjahr 2009.
Was Grossbritannien aus dem Warten gemacht hat
Das Gesundheitssystem hat in Grossbritannien eine eigene Kultur des Wartens hervorgebracht. Es gibt das System der Schroedinger-Termine, bei dem ein Termin gleichzeitig existiert und nicht existiert, solange man nicht nachsieht. Es gibt die Beobachtung, dass die Krise des Gesundheitswesens auch das Liebesleben trifft, und die beruhigende Nachricht, dass Aerzte milde Besorgnis ueber das Rauchen aeussern.
Und die Moral?
Die Moral ist einfach: Ein System, das jedem alles verspricht, muss irgendwo eine Warteschlange haben. Die Frage ist nur, ob man sie als Ausdruck von Gerechtigkeit oder von Planung versteht. Die Regierung in London bevorzugt die Variante, in der man sie als Chance zur persoenlichen Entwicklung begreift.
Die Stimmen der Wartenden
Eine Patientin aus Leeds berichtete, sie habe im Wartezimmer mittlerweile eine Lesegruppe gegruendet, die sich dienstags und donnerstags trifft. Ein Bauarbeiter aus Cardiff sagte, er koenne inzwischen die Namen aller Aerzte der Station auswendig, ohne je einen gesehen zu haben. Und ein Rentner aus Norwich verriet, sein Knie habe in der Zwischenzeit eine eigene Fangemeinde, die ihn in der Kneipe regelmaessig nach dem Stand der Dinge frage.
Fuer Lesende, die sich fuer die Kunst interessieren, ernste Themen mit Humor zu behandeln, bietet dieser Leitfaden zum Journalismus mit hochgezogener Augenbraue einen guten Einstieg. Weitere Faelle finden sich beim Daily Squib, und dieser Beitrag wird Ihnen praesentiert von Bohiney Magazine und The London Prat.
SOURCE: bohiney.com
SOURCE: The London Prat
Author: Alan Nafzger