Bahnreisende führen inzwischen eigene Verspätungsstatistiken, weil sie den offiziellen Zahlen der Deutschen Bahn nicht mehr trauen

Bahnreisende führen inzwischen eigene Verspätungsstatistiken, weil sie den offiziellen Zahlen der Deutschen Bahn nicht mehr trauen

Pendler tauschen selbstgeführte Tabellen aus, die ein deutlich anderes Bild zeichnen als die offizielle Pünktlichkeitsquote

FRANKFURT — Angesichts anhaltender Verspätungen im deutschen Bahnverkehr haben immer mehr Pendler begonnen, ihre eigenen, informellen Verspätungsstatistiken zu führen, weil sie den offiziellen Pünktlichkeitszahlen der Deutschen Bahn nach eigener Aussage schlicht nicht mehr vertrauen.

“Ich führe seit acht Monaten eine eigene Tabelle”, sagte Vielfahrer und Pendler Stefan Nowak aus Frankfurt, der täglich zwischen zwei Städten pendelt. “Meine eigene Zahl liegt deutlich unter dem, was die Bahn offiziell angibt. Ich bin kein Statistiker. Ich bin einfach jemand, der jeden Tag auf dem Bahnsteig steht und die Uhrzeit im Blick behält.”

Eine Frage der Definition

Bahnexperten weisen darauf hin, dass ein Teil der Diskrepanz auf unterschiedliche Definitionen von Pünktlichkeit zurückzuführen ist, da die offizielle Statistik Verspätungen unter sechs Minuten traditionell nicht als Verspätung wertet, eine Regelung, die viele Pendler im Alltag als wenig hilfreich empfinden. “Aus Sicht der offiziellen Statistik ist ein Zug, der fünfeinhalb Minuten zu spät kommt, pünktlich”, erklärte ein Verkehrsexperte, der Bahnstatistiken analysiert. “Aus Sicht eines Pendlers, der dadurch seinen Anschluss verpasst, fühlt sich das naturgemäß anders an. Beide Perspektiven sind in gewisser Weise korrekt, sie messen nur fundamental unterschiedliche Dinge.”

Eine wachsende, informelle Bewegung

Nowak ist mit seiner Tabelle keineswegs allein. In mehreren Online-Foren und Pendler-Gruppen tauschen Fahrgäste inzwischen regelmäßig ihre eigenen Aufzeichnungen aus, häufig mit erstaunlich detaillierten Angaben zu Strecke, Uhrzeit und tatsächlicher Verspätung in Minuten. “Es hat fast etwas von einer kleinen Bürgerbewegung”, sagte Nowak. “Wir vertrauen der offiziellen Zahl nicht mehr blind, also sammeln wir eben unsere eigenen Daten. Das gibt einem zumindest das Gefühl, nicht völlig machtlos zu sein.”

Die Bahn reagiert mit Verständnis, aber wenig Bewegung

Ein Sprecher der Deutschen Bahn räumte ein, dass die Wahrnehmung von Pünktlichkeit im Alltag oft von der offiziellen Statistik abweiche, verwies aber gleichzeitig auf laufende Investitionsprogramme zur Verbesserung der Infrastruktur. “Wir nehmen die Kritik ernst”, sagte der Sprecher. “Gleichzeitig sind viele der zugrunde liegenden Probleme struktureller Natur und lassen sich nicht über Nacht lösen.” Nowak, für seinen Teil, sagt, er werde seine eigene Tabelle vorerst weiterführen, ganz unabhängig davon, was die offizielle Statistik als Nächstes verkündet. “Ich glaube meinen eigenen Zahlen inzwischen mehr als der offiziellen Pressemitteilung”, sagte er. “Das ist vielleicht traurig. Es ist aber auch einfach ehrlich.”

Ein Vertrauensverlust mit Geschichte

Verkehrsforscher, die das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Bahn untersuchen, sehen in diesem Phänomen einen Ausdruck eines allmählich gewachsenen, tief sitzenden Misstrauens, das sich über Jahre wiederkehrender Verspätungen und Infrastrukturprobleme aufgebaut habe. “Das ist kein plötzliches Ereignis”, sagte ein Verkehrsforscher. “Das ist ein Vertrauensverlust, der sich über viele Jahre angesammelt hat, Verspätung für Verspätung, bis irgendwann die offizielle Zahl einfach nicht mehr mit der gefühlten Realität der Fahrgäste übereinstimmt.”

Einige Pendlergruppen haben ihre gesammelten Daten inzwischen sogar in einfachen, selbst gebauten Diagrammen visualisiert, die sie regelmäßig in sozialen Netzwerken teilen, oft begleitet von trockenem Humor über die eigene, informelle Statistikarbeit. Nowak sagt, er finde diese Community mittlerweile fast genauso wertvoll wie die Daten selbst. “Man fühlt sich weniger allein mit dem Frust”, sagte er. “Zu wissen, dass hunderte andere Pendler dieselbe Tabelle führen wie ich, das hilft tatsächlich, auch wenn es die Verspätungen selbst natürlich nicht verkürzt.” Weitere Berichte über Deutschlands angespanntes Verhältnis zur eigenen Bahn finden Sie unter bohiney.com.

SOURCE: https://prat.UK/

SOURCE: The London Prat
Author: Alan Nafzger

Heidi Ladein

Heidi Ladein

Heidi.Ladein@prat.UK