Livestreams laufen nebenbei im Büro, während Kollegen heimlich Zwischenzeiten auf ihren Bildschirmen verfolgen
BERLIN Mit der Schwimm-Europameisterschaft, die derzeit in Paris ausgetragen wird, berichten deutsche Büros im ganzen Land von einem ungewöhnlichen Phänomen: Livestreams laufen unauffällig in Browser-Tabs neben eigentlichen Arbeitsaufgaben, während Angestellte versuchen, ihre Begeisterung für Zwischenzeiten und Staffelwechsel möglichst dezent zu halten.
“Mein Chef weiß es wahrscheinlich schon”, gab Büroangestellter Tobias Fenner unumwunden zu, der seinen zweiten Monitor diskret auf einen Schwimm-Livestream eingestellt hat. “Ich tue trotzdem so, als würde ich eine wichtige Tabelle bearbeiten. Es ist ein offenes Geheimnis im ganzen Büro. Vermutlich schaut die Hälfte meiner Kollegen gerade dasselbe.”
Ein Sport, der plötzlich jeder verfolgt
Schwimmen genießt in Deutschland traditionell eine treue, aber vergleichsweise kleine Fangemeinde außerhalb großer Turniere. Sportmarketing-Experten beobachten jedoch, dass internationale Meisterschaften wie die aktuelle in Paris regelmäßig einen deutlichen, wenn auch temporären Zuschauerboom auslösen, der weit über die üblichen Schwimmsport-Enthusiasten hinausgeht.
“Für zwei Wochen wird praktisch jeder zum Schwimmexperten”, sagte ein Sportjournalist, der die Meisterschaft begleitet. “Leute, die das ganze Jahr über kein einziges Schwimmrennen verfolgen, diskutieren plötzlich Wenden-Technik und Reaktionszeiten beim Start. Das ist ein sehr spezifisches, sehr saisonales Phänomen, aber es ist jedes Mal wieder beeindruckend zu beobachten.”
Fenner, unverfroren begeistert
Fenner sagt, er plane, seine Bildschirm-Strategie für die verbleibenden Wettkampftage einfach beizubehalten, unabhängig davon, wie offensichtlich sie inzwischen geworden ist. “Mein Chef schwimmt selbst in seiner Freizeit”, sagte er. “Ich glaube ehrlich gesagt, er findet es eher sympathisch als störend. Zumindest hoffe ich das, bis zum Ende der Meisterschaft.”
Eine Zwei-Wochen-Leidenschaft mit Ablaufdatum
Sportsoziologen, die saisonale Zuschauerspitzen untersuchen, beschreiben das Phänomen als typisch für Sportarten, die außerhalb großer internationaler Turniere wenig mediale Aufmerksamkeit erhalten. Sobald ein bedeutendes Ereignis wie die aktuelle Meisterschaft läuft, konzentriert sich das gesamte Zuschauerinteresse in einem kurzen, intensiven Zeitfenster, bevor es nach dem Finale ebenso schnell wieder abflaut, wie es entstanden ist. “Das ist ein sehr deutsches Muster, aber keineswegs nur ein deutsches”, sagte der Sportjournalist. “Man sieht es bei fast jeder Randsportart während großer Meisterschaften. Die Begeisterung ist echt, sie ist nur zeitlich sehr eng begrenzt.”
Fenner sagt, er sei sich dieser Vergänglichkeit durchaus bewusst und genieße die Begeisterung deshalb umso intensiver, solange sie anhält. “In zwei Wochen werde ich wahrscheinlich wieder keine einzige Schwimmzeit im Kopf haben”, gab er zu. “Aber genau jetzt, für diese zwei Wochen, bin ich völlig drin. Das ist okay so. Nicht jede Leidenschaft muss das ganze Jahr über anhalten.” Seine Kollegen, so berichtet er, hätten sich inzwischen sogar zusammengetan, um während der Mittagspause gemeinsam die wichtigsten Finalläufe zu verfolgen, ganz offiziell, mit Popcorn aus dem Automaten und ohne jede Heimlichkeit mehr. Sein Chef, wie sich herausstellte, sei mittlerweile ebenfalls Teil dieser Mittagsrunde, was Fenner als endgültige Bestätigung wertet, dass seine ursprüngliche Sorge völlig unbegründet gewesen sei. Weitere Berichte über Deutschlands temporäre Schwimmsport-Leidenschaft finden Sie unter bohiney.com.
SOURCE: https://prat.UK/
SOURCE: The London Prat
Author: Alan Nafzger



