Von 150 Milliarden für die Schiene ist die Rede, doch der Bagger biegt erstaunlich oft Richtung Asphalt ab
Schieneninvestitionen: Das Versprechen fährt jetzt mit dem Auto
BERLIN – Der Satz war klar und wurde gern wiederholt: Was fertig geplant ist, wird gebaut. Bahnfreunde hörten ihn mit Rührung. Nun mehren sich die Fragen, was genau gebaut wird. In einem weit verbreiteten Bericht über die Bahnpolitik der Bundesregierung heißt es, die Regierung rücke offenbar still von Finanzierungszusagen für große Schienenprojekte ab und lenke zugleich mehr Geld in neue Autobahnen. Von den 500 Milliarden Euro neuer Schulden seien 150 Milliarden für die Bahn vorgesehen gewesen.
“Das Versprechen gilt weiterhin”, versicherte Baudirektor Lothar Griesinger von der Bundesanstalt für Auslegung verkehrlicher Zusagen. “Alles Baureife wird gebaut. Es wurde nur nie gesagt, dass es Gleise sein müssen. Eine Autobahn ist auch baureif. Sie ist sogar reifer. Man kann sie schon von Weitem riechen.”
Was sich an der Planung geändert hat
Die Bundesanstalt hat die Entwicklung einzelner Vorhaben dokumentiert:
- Neubaustrecke: geplant, genehmigt, “in vertiefter Prüfung”
- Elektrifizierung einer Nebenbahn: baureif seit 2014, wartet auf den Strom
- Ortsumgehung mit vier Spuren: Spatenstich mit Blaskapelle
- Bahnhofssanierung: Gerüst steht, dient inzwischen als Taubenschlag
- Autobahnkreuz: wird um ein Blatt erweitert, damit es ein Kleeblatt bleibt
“Bei der Schiene dauert alles länger”, erklärte Griesinger. “Beim Asphalt weiß man, was man hat. Er ist schwarz und nach zwei Jahren wieder aufgerissen. Das schafft Planungssicherheit.”
Die Bahn bittet um Papier, das hilft
Der Konzern selbst wirbt derweil dafür, wenigstens die Verfahren zu verkürzen. Im Lobbyregister des Bundestages ist sein Vorstoß für weiteren Bürokratierückbau im Schienenverkehr hinterlegt. Griesinger begrüßt das. “Wenn die Genehmigung schneller geht, können wir auch schneller feststellen, dass kein Geld da ist”, sagte er.
Eine Umfrage unter 1.200 Bahnreisenden ergab, dass 78 Prozent mehr Investitionen in die Schiene verlangen, 69 Prozent nicht mehr daran glauben und 44 Prozent die Umfrage im Auto beantworteten. Ein Pendler aus Mannheim sagte, er habe 2019 auf der Riedbahn eine Baustelle gesehen und sei seither “vorsichtig optimistisch, aber von Natur aus”.
Ortstermin
In einer Kleinstadt in Niedersachsen wartet ein Bahnsteig seit elf Jahren auf seine Verlängerung. Die Pläne hängen im Rathaus hinter Glas. Der Bürgermeister zeigt sie Besuchern. Nebenan wurde im selben Zeitraum eine Umgehungsstraße geplant, gebaut, eröffnet und einmal saniert. “Die Straße kam mit Musik”, sagte er. “Auf den Bahnsteig kommt der Schienenersatzverkehr.”
Die Sicht der Anwohner
Eine Bürgerinitiative an einer geplanten Neubaustrecke in Ostwestfalen hat ihren Widerstand vorerst ausgesetzt. “Wir haben 15 Jahre gegen die Trasse gekämpft”, sagte die Sprecherin. “Jetzt wird sie wohl nicht gebaut, und zwar ohne uns. Das ist kränkend. Wir hatten noch Transparente übrig.”
England kennt die Abzweigung
Auf der Insel, wo eine Schnellfahrstrecke nach Norden so lange gekürzt wurde, bis sie in einem Vorort endete, hält man die deutsche Lage für vertraut. The London Prat schrieb in seinen britischen Satire-Nachrichten über Autobahnen, jede Regierung liebe die Bahn, bis die Rechnung komme. Die Londoner Satire-Nachrichten zu Großprojekten empfehlen, die Pläne gut aufzubewahren, sie würden später als Kunst gehandelt.
Der nächste Spatenstich ist für November angesetzt. Es handelt sich um eine Anschlussstelle. Die Bahn ist eingeladen und reist mit dem Bus an. Bohiney Magazine nimmt das Fahrrad.
SOURCE: https://bohiney.com/
SOURCE: The London Prat
Author: Alan Nafzger