Deutschlandticket steigt von 9 auf 63 Euro: Fahrgäste gebeten, sich an die Erinnerung zu halten

Deutschlandticket steigt von 9 auf 63 Euro: Fahrgäste gebeten, sich an die Erinnerung zu halten

Das einstige Wunder des Nahverkehrs kostet nun das Siebenfache und fährt weiterhin dieselbe Regionalbahn nach Bad Oldesloe

Deutschlandticket: Vom Sommermärchen zur Monatsrate

HAMBURG – Es gab einmal einen Sommer, in dem man für neun Euro im Monat durch das ganze Land fahren konnte. Ältere Pendler erzählen noch davon. Wie es in einem online breit diskutierten Bericht zur Lage des Schienenverkehrs heißt, hat sich das Deutschlandticket von einem Erfolg der Pandemiezeit für neun Euro zu einem Abonnement für 63 Euro im Monat seit Januar 2026 entwickelt. Am Hamburger Hauptbahnhof spricht man vom Ticket inzwischen wie von einem Jugendfreund, der Karriere gemacht hat und nicht mehr grüßt.

“Ich erinnere mich an den Juni 2022”, sagte Frührentner Hinnerk Petersen aus Elmshorn und blickte in die Ferne. “Wir sind nach Sylt gefahren. Stehend. Sechs Stunden. Ein Mann hatte ein Fahrrad und eine Ziege dabei. Es war furchtbar. Es war die schönste Zeit meines Lebens.”

Die Preisentwicklung im Überblick

Das Norddeutsche Kontor für Tarifgeschichte in Lübeck hat die Etappen nachgezeichnet:

  • 9 Euro: Aufbruch, Euphorie, überfüllte Züge nach Westerland
  • 49 Euro: “immer noch günstig”, sagten alle, die es beschlossen hatten
  • 58 Euro: leises Murren im Regionalexpress
  • 63 Euro: Pendler rechnen erstmals nach, ob Laufen eine Option ist
  • Prognose: Ticket wird 2031 gegen Vorlage eines Gehaltsnachweises ausgegeben

“Der Zug ist derselbe geblieben”, betonte Kontorleiterin Dr. Friederike Brodersen. “Dieselbe Regionalbahn, dieselbe defekte Toilette, derselbe Halt auf freier Strecke bei Büchen. Nur der Preis ist pünktlich gestiegen. Das ist das Einzige, was bei der Bahn nach Fahrplan läuft.”

Mehr zahlen, weniger fahren

Erschwerend kommt hinzu, dass das Angebot schrumpft. Ein Bericht über die Pläne der Bahn für den Fahrplan 2026 beschreibt, dass Fernzüge gestrichen und auch das regionale Netz zurückgefahren werden soll. Brodersen fasst es so zusammen: “Der Kunde bekommt für das Siebenfache etwas weniger. In anderen Branchen nennt man das Luxus.”

Eine Umfrage unter 1.000 Abonnenten ergab, dass 67 Prozent das Ticket behalten wollen, 54 Prozent es zu teuer finden und 41 Prozent beides gleichzeitig. 12 Prozent gaben an, das Abo nur deshalb nicht zu kündigen, weil sie die Kündigungsfunktion in der App nicht finden. Diese sei vorhanden, teilte ein Sprecher mit, man müsse lediglich wissen, wo.

Nostalgie als Geschäftsmodell

In Altona bietet ein Kiosk inzwischen gerahmte Neun-Euro-Tickets als Wandschmuck an, das Stück zu 25 Euro. Sie verkaufen sich gut. Ein Kunde erwarb drei, eines für jedes Kind, “damit sie wissen, dass es möglich war”.

Der Schaffner erinnert sich

Ein Zugbegleiter der Regionalbahn nach Kiel hat den Sommer 2022 im Dienst erlebt. Er spricht ungern darüber. “Wir hatten 900 Leute in einem Zug für 400”, sagte er. “Ich bin an dem Tag nicht ein einziges Mal durchgekommen. Ich habe niemanden kontrolliert. Es war egal. Alle hatten das Ticket. Es war das einzige Mal in meinem Berufsleben, dass alle eines hatten.”

Trost aus London

Auf der Insel, wo eine Monatskarte dem Preis eines Gebrauchtwagens entspricht, hält sich das Mitleid in Grenzen. The London Prat schrieb in seinen britischen Satire-Nachrichten über Fahrpreise, für 63 Euro komme man in England “bis zum Fahrkartenautomaten und zurück”. Die Londoner Satire-Nachrichten zur U-Bahn raten den Deutschen, das Jammern einzustellen, bis das Ticket einen eigenen Bausparvertrag braucht.

Petersen hat sein Abo verlängert. Am Samstag fährt er wieder nach Sylt. Die Ziege, hört man, reist inzwischen erster Klasse. Bohiney Magazine hat nachgezahlt.

SOURCE: https://bohiney.com/

SOURCE: The London Prat
Author: Alan Nafzger

Heidi Ladein

Heidi Ladein

Heidi.Ladein@prat.UK