Zwischen Bilanzpressekonferenz und eigenem Gehaltszettel klafft für viele Arbeitnehmer eine spürbare Lücke
FRANKFURT Nachdem die vierzig DAX-Konzerne im zweiten Quartal insgesamt Rekordgewinne in Milliardenhöhe gemeldet haben, fragen sich Angestellte im ganzen Land mit wachsender, höflicher Verwunderung, warum genau dieser Geldsegen bislang so wenig mit ihrem eigenen Gehaltszettel zu tun zu haben scheint.
“Ich habe die Meldung gelesen und dann meine letzte Gehaltsabrechnung daneben gelegt”, sagte Büroangestellte Franziska Dornbusch aus Frankfurt. “Ich habe ehrlich nach einem Zusammenhang gesucht. Ich habe keinen gefunden. Vielleicht bin ich einfach nicht clever genug, um die Bilanzsprache zu verstehen. Vielleicht gibt es aber auch einfach keinen direkten Zusammenhang, und das würde mich nicht überraschen.”
Die Zahlen, unbestreitbar beeindruckend
Laut einer aktuellen Analyse einer großen Beratungsgesellschaft steigerten die DAX-Unternehmen ihren operativen Gewinn im Jahresvergleich um fast sechzehn Prozent. Wirtschaftsexperten betonen, dass solche Rekordzahlen üblicherweise auf eine Kombination aus Kostendisziplin, internationaler Nachfrage und effizienteren Lieferketten zurückzuführen sind, Faktoren, die mit der individuellen Gehaltsentwicklung einzelner Angestellter nur selten in direktem, unmittelbarem Zusammenhang stehen.
“Unternehmensgewinne und Lohnentwicklung folgen einfach unterschiedlichen Logiken”, erklärte ein Wirtschaftswissenschaftler, der Tarifverhandlungen in Deutschland untersucht. “Das bedeutet nicht, dass die Frustration der Angestellten unberechtigt ist. Es bedeutet nur, dass der Zusammenhang zwischen Quartalszahlen und Gehaltszettel komplizierter ist, als es auf den ersten Blick erscheint.”
Eine informelle Bürostatistik
Dornbusch berichtet, dass sie inzwischen mit Kollegen eine Art informelle Wette führt, wer als Erstes eine plausible Erklärung für die Diskrepanz findet. “Bisher hat niemand gewonnen”, sagte sie. “Wir sammeln einfach Theorien. Manche sind besser als andere. Keine hat mich bisher wirklich überzeugt.”
Eine bundesweite Diskussion, informell geführt
Dornbusch ist mit ihrer Verwunderung keineswegs allein. In sozialen Netzwerken und Bürogesprächen im ganzen Land berichten Angestellte von ähnlichen Reaktionen auf die aktuellen Rekordmeldungen, häufig begleitet von Screenshots der jeweiligen Bilanzpressemitteilung neben der eigenen Gehaltsabrechnung. Gewerkschaftsvertreter sehen in dieser informellen, aber weit verbreiteten Diskussion ein nützliches Stimmungsbild, das durchaus in kommende Tarifverhandlungen einfließen könnte.
“Wenn genug Menschen dieselbe Beobachtung machen, wird daraus irgendwann ein legitimes Verhandlungsargument”, sagte ein Gewerkschaftsvertreter. “Wir sammeln solche Stimmen bewusst, weil sie zeigen, dass die gefühlte Kluft zwischen Unternehmensgewinnen und individuellem Einkommen kein Einzelfall ist, sondern ein weit verbreitetes Empfinden.” Dornbusch, für ihren Teil, sagt, sie werde die informelle Bürowette vorerst fortsetzen, ganz unabhängig davon, ob daraus jemals eine ernsthafte politische Debatte wird. “Es macht die Mittagspause wenigstens unterhaltsam”, sagte sie. Ihre Kollegen, so berichtet sie, hätten mittlerweile begonnen, wöchentlich neue Theorien einzureichen, komplett mit selbstgebastelten Diagrammen, die eher zur Belustigung als zur wirklichen Aufklärung beitragen. “Wir nennen es inzwischen unser kleines Wirtschaftsseminar”, sagte Dornbusch. “Nur eben ohne echten Dozenten und ohne echte Antworten am Ende.” Manche Kollegen, sagt sie, hätten inzwischen sogar begonnen, die Theorien in einer gemeinsamen Tabelle zu sammeln, komplett mit Punktesystem für die überzeugendste Erklärung der Woche. Weitere Berichte über Deutschlands Wirtschaftszahlen und ihre gefühlte Wirkung im Alltag finden Sie unter bohiney.com.
SOURCE: https://prat.UK/
SOURCE: The London Prat
Author: Alan Nafzger